David Lynch #8: Blue Velvet (1986)


Trailer © by 20th Century Fox


Fakten
Jahr: 1986
Genre: Thriller, Mystery, Film-Noir
Regie: David Lynch
Drehbuch: David Lynch
Besetzung: Isabella Rossellini, Kyle MacLachlan, Dennis Hopper, Laura Dern, Hope Lange, Dean Stockwell, Jack Nance
Kamera: Frederick Elmes
Musik: Angelo Badalamenti
Schnitt: Duwayne Dunham


Review
It’s a strange world, isn’t it?

Am Anfang die Idee. Drei Ideen, um genau zu sein:
Etwas mysteriöses, unbekanntes, verborgen hinter der Fassade einer Kleinstadt.
Ein Junge, der ein Ohr in einem Feld findet, der erste Spalt des Tores in diese verborgene Welt öffnet sich.
Das Eindringen in das Appartement einer Frau und die zufällige Betrachtung von Geschehnissen, die endgültig das Tor in diese dunkle Welt aufstoßen.

Drei Ideen ausgelöst vom Song BLUE VELVET, die (ganz nach Lynchs ureigener Herangehensweise) einzeln erwachten, nach und nach viele weitere Ideen mit sich zogen und über die Jahre (und 4-5 Drafts) zu einem handfesten Skript erwuchsen. Ein Skript, was trotz trotz des vorangegangenen DUNE-Flops erneut die Aufmerksamkeit des Produzenten Dino di Laurentis auf sich zog: “David, was hat es mit diesem “Blue Velvet auf sich?”. Hatte es zumindest genug, um eine ernsthafte Produktionsabsicht zu wecken, zu wenig jedoch, um di Laurentis dazu zu bringen eine umfassende Finanzierung auf die Beine zu stellen – DUNE wirkte noch nach und zwar auf beiden Seiten.

Doch Lynch wäre kein Künstler, wenn seine Vision nicht Mittel und Wege finden würde, das Licht der Welt zu erblicken. In diesem Fall stellten beide Parteien ihre Bedingung: Der Produzent lieferte ein viel kleineres Budget als zu DUNE und Lynch forderte für diesen Film ein Recht auf den Final Cut. Man engagierte sich – der Final Cut wurde ihm per Handschlag (wörtlich!) zugesichert und Lynch fuhr die eigene Gage (sowie die des Casts) auf das absolute Minimum herunter – die mitwirkenden Schauspieler arbeiteten für einen Obulus, aber alle schienen an das Projekt zu glauben und so entstand in einem kleineren Ableger der Laurentis-Studios, tief im Herzen von North Carolina BLUE VELVET.

I came into film without having to really speak or ever articulate certain feelings in words. So I like thinking somewhere beneath the surface” – David Lynch

Surface.
Oberfläche.

Wie tief unter die Oberfläche reicht unser alltäglicher Blick? Was schlummert verborgen dahinter, bereit auszubrechen? Wie viel wahres zeigt die Fassade der verschlafenen Kleinstädte dieser Welt eigentlich noch? Wie unbegreifbar mag Unbekannte dahinter sein? Und hat es uns insgeheim im griff – ist vielleicht alles nur Fassade? Darum geht es in diesem Film.

Jeffrey Beaumont lebt in der heilen Welt einer US-Kleinstadt. Vorgärten, freundliche Nachbarn, winkende Feuerwehrleute. Doch eines Tages bekommt diese makellose Fassade einen blutigen Riss – Jeffrey findet ein abgeschnittenes menschliches Ohr auf einer Wiese. Wie ein guter Bürger es tut, geht er natürlich zur Polizei und informiert diese. Erlebnis abgehakt? Im Gegenteil, wie ein sich ausbreitender Ausschlag sitzt Jeffrey die Neugier im Nacken – er bohrt nach, schnappt Namen auf, wird wagemutig, all die Jahrelang anerzogene Vernunft scheint verloren zu sein. Dampf ablassen durch ein Wagnis unerwarteter Intensität. Und ganz plötzlich findet er sich in einer Welt wieder, die er niemals für möglich gehalten hätte. Eine dunkle, gefährliche Alternativrealität, verborgen unter der abschirmenden Hülle des Normalen. Nur eine Wohnungstür zwischen warmen Sonnenstrahlen im Schaufenster des Diners und brutaler, verstörender Gewalt, wie er sie nie für möglich gehalten hätte.

I like things that are different, and I like distortions, because I see so many distortions, either inside of people or on the surface” – David Lynch

BLUE VELVET sucht nach dem düsteren Fleck in jedem von uns. Dem Widerspruch. Versteckten Abgründen und dem Kontrast zum Offensichtlichen. Ein Kontrast, den Lynch visuell wie inhaltlich auszuloten sucht. Den grünen Vorgärten und bunten Blumen der Eröffnungssequenz steht die unheilbringende Nacht gegenüber. Gefahr lauert, denn in den dunklen Stunden kommen die dunklen Seelen aus ihren Löchern, um auf Jagd zu gehen. Lynch findet exakt die passende Bildsprache, um diese Facette des Seins erlebbar zu machen: Schatten dominieren, umschmiegen und saugen in sich auf, die Nacht ist stiller Protagonist. In Verbindung mit dem einzigartigen, an klassische Hollywood-Filme angelegten Score erschafft Lynch ein brodelndes Zitat des Film Noirs von unbeschreiblicher Wirkung.

Now it’s dark

Wie kein zweiter Filmemacher legt Lynch in seinem Werk den “Horror des Normalen” frei – BLUE VELVET reiht sich nahtlos in eine Liste Filme ein, die in unverleichbarer Weise Zweifel an der Realität als solcher schüren, weil sie ein Gefühl der kompromisslosen Fremdartigkeit erzeugen. “Etwas stimmt hier nicht” – schießt es immer wieder durch den Kopf, sowohl in grotesken, verstörenden und beklemmenden Momenten, wie auch während des alltäglichen Tagesgeschehens dieser Filmwelt. Doch will Lynch in meinen Augen nicht anprangern, tiefgehend analysieren, oder bedeutsame meta-Ebenen einflechten – viel mehr einfach nur wirken und die Bilder ihre eigene, überwiegend mit dem Bauch zu verstehende Sprache sprechen lassen.

Intuitive Filme zur intuitiven Rezeption.

Eben diese hochgradig intensive Wirkung schafft ein stetiges Auf und Ab – es gelingt ein Spagat zwischen der perfekten filmischen Illusion und tiefgehend-menschlichen Momenten, die so wahr und echt sind, dass ein einziger Monolog die Tränen in die Augen treiben kann, weil man den Eindruck nicht los wird, einem Menschen geradewegs in die Seele geschaut zu haben. Doch diese Blicke sind Blicke, das ist essentiell und bis jetzt noch nicht recht genannt worden, die zwar die tiefsten Abgründe zutage fördern, doch genauso viele wundervolle Seiten des menschlichen Daseins beleuchten – denn so tief Lynch auch in die schmalen Gräben der seelischen Tiefsee abtaucht, immer bleibt seine Version des Lebens trotzdem lebenswert, denn neben dem Schlimmen, ist genug ehrlich Gutes.

I had a dream. In fact, it was on the night I met you. In the dream, there was our world, and the world was dark because there weren’t any robins and the robins represented love. And for the longest time, there was this darkness. And all of a sudden, thousands of robins were set free and they flew down and brought this blinding light of love. And it seemed that love would make any difference, and it did. So, I guess it means that there is trouble until the robins come.


Wertung
9 von 10 geheimen Abstechern in den Wandschrank


Weblinks
IMDB
MOVIEPILOT
LETTERBOXD
Streamen: Werstreamt.es
Leihen: LOVEFILM
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8 Gedanken zu „David Lynch #8: Blue Velvet (1986)“

  1. So jetzt haben wirs:

    Großartig, abartig, angsteinflößend, Derns Frisur!
    Großartig, abartig, der mechanische Vogel!
    Supersweet, der gastfreundliche Dean Stockwell als Ben (inklusive Begrüßungsschwinger in Jeffreys Magen)!

  2. Ein Film, der mich damals beim Schauen sehr gepackt hat. Dieses Hinabsteigen in die dunklen Ecken der Seele sieht man bei kaum einen anderen Regisseur/Film. Dafür wird Kino gemacht!

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