David Lynch #10: Wild At Heart (1990)


Trailer © by Universal Pictures Germany GmbH


Fakten
Jahr: 1990
Genre: Raodmovie, Lovestory, Komödie, Film Noir, Groteske
Regie: David Lynch
Drehbuch: David Lynch, Barry Gifford
Besetzung: Nicolas Cage, Laura Dern, Willem Dafoe, J.E. Freeman, Diane LaddCalvin Lockhart, Isabella Rossellini, Harry Dean Stanton, Jack Nance
Kamera: Frederick Elmes
Musik: Angelo Badalamenti
Schnitt: Duwayne Dunham


Review
Lula: “This whole world is wild at heart and weird on top.”

David Lynch hat nie Filme “wie all die anderen” gemacht. Egal ob horror’eske Allegorie auf die Ängste werdender Väter, unkonventionelles SciFi-Epos, oder besonders im Spätwerk eine Fülle an assoziativen, surrealen Abhandlungen über den menschlichen Geist, das Kino, oder die elementaren Konflikte in uns – Lynch überrascht, verstört und lässt in einer Mischung aus Verwirrtheit und offen staunendem Mund zurück. Doch von all den obskur angehauchten, immer weit an Konventionen vorbei gedrehten Werken, die er im Laufe seiner Karriere auf Zelluloid bannte ist WILD AT HEART in seiner Wirkung, den inszenatorischen Kontrasten und der Wahl seiner Motive wahrscheinlich das Absurdeste.

Ja, absurd. In allen Belangen und Auf eine Art und Weise, die konsequent die Frage in den Raum stellt, was zum Teufel Lynch’s Intention (und Motivation) bei der Gestaltung (und vor allem Montage) all dieser irren Szenen und Ideen gewesen sein muss. Recherchiert man im Zuge dieser Frage ein wenig die Entstehungs-Geschichte des Films (die deutsche BluRay-Veröffentlichung ist mit genau null Extras im Bonusmaterial keine große Hilfe), klingen die Beweggründe zur Umsetzung fast schon ernüchternd profan: Lynch mochte die Romanvorlage von Barry Gifford, adaptierte sie mit diesem zusammen und drehte den Film – das war’s. Das schöne ist jedoch (wie so oft bei Lynch) a) WIE er sie drehte und b) dass die Hälfte der Bedeutung seiner Werke sowieso immer erst im Kopf entsteht – Lynch ist, was man daraus macht, es muss sich also jeder selbst die Frage stellen:

Was ziehe ich aus WILD AT HEART?

Die Antwort ist nicht leicht zu finden, denn alles an Laura Dern und Nicolas Cage’s bizarrem Roadtrip wirkt seltsam entrückt – das Auftauchen klassischer Motive des Hollywood-Kinos, wie dem Freiheit-suchenden Outlaw-Pärchen auf der Reise durch die USA oder den ständigen Referenzen an DEN Klassiker des fantastischen Märchenfilms WIZARD OF OZ, vermittelt zunächst den Eindruck in bekannten Gewässern zu schiffen. Lynch jedoch lässt keine Gelegenheit aus, diese Fassade wie ein Kartenhaus einzureißen und eine wahnsinnig grinsende Grimasse dahinter zum Vorschein zu bringen – mal angedeutet, mal mit brachialer Gewalt, handwerklich nicht immer galant, aber in Summe ganz sicher eigen und ehrlich.

Stilistisch geht der Film völlig unbeschreibliche Wege. Die kuriose, teils knallend-abrupte Montage der Szenen wird von Rückblenden und Gedankenfetzen aufgebrochen und es regieren beißende Kontraste. Lynch kontrastiert gefühlvolle, oft kitschige Momente der Liebe immer wieder durch bedrohlich brodelnde Flammen, alptraumhafte Farben und unheilvolle Klänge, schneidet von lockeren, sonnendurchfluteten Szenen in Sailor’s Cabriolet, die den Optimismus des Glaubens an eine gemeinsame Zukunft atmen, auf krude Mordpläne dubioser Gangster in düsteren Hinterzimmern um und tut auch sonst immer das am wenigsten Erwartete: Entspannte Jazz-Stücke aus den 30er Jahren geben sich die Klinke mit schroffem Metal, rein optisch pendelt WILD AT HEART zwischen Look und Ausstattung eines klassischen Detektiv-Film-Noirs, dem Stil der 80er und etlichen undefinierbaren anderen Elementen – das Resultat ist die vollkommen unmögliche Einordnung der Handlung in eine konkrete Epoche oder gar ein spezielles Jahr – irgendwann, irgendwo in den Weiten der USA liebten sich Sailor und Lula. Diese Schwammigkeit ist ganz sicher so gewünscht, es zählen eher lose verwobene einzelne Motive, die in Summe ein zeitloses Märchen entstehen lassen.

Sailor: “This is a snakeskin jacket! And to me it’s a symbol of my individuality and my belief in personal freedom.”

Es ist schwer zu sagen, ob Lynch hier auf seine gänzlich eigene Weise den Mechanismen des klassischen Hollywoods (oder gar des American Dreams) huldigt, oder sich stattdessen lachend auf dem Boden kringelt, mit einer Hand den Bauch hält und mit dem Finger der anderen auf die Studios zeigt, um sie in ihrer Simplizität und Formelhaftigkeit zu verhöhnen. Ein wenig wirkt der Film, als sei letzteres der Fall, denn immer wenn WILD AT HEART besonders nah an altbekannten Motiven ist – die böse Barbie-Mutter mit ihren blonden Haaren und langen Fingernägeln, die schluchzend in den Armen des starken Retters liegt, die Noir-Ästhetik rund um Detektive und verrauchte Spelunken, die kitschig-naiven Liebesbekundungen, die ständig in unpassend-übertriebene Gefühlsduselei kippen – tritt die Inszenierung das Gas durch, überzeichnet alles und jeden ins vollkommen Groteske, oder schockt durch unbegreifliche Momente.

Da wollen Sailor und Luna zum Beispiel tanzen gehen. Doch wie und wohin? “Zu erwarten” wäre wohl am ehesten eine Disco mit 80s Pop, doch mit völliger Selbstverständlichkeit finden die Zwei sich nach einem harten Schnitt auf einem schrammeligen Metal-Konzert wieder. Und was tut Sailor, nachdem er gegenüber eines flirtenden Moshers in unendlich überzogener Geste seinen Alpha-Status behauptet hat? Logisch, er schnappt sich das Mikrofon, das Licht wird gedimmt und er gibt inbrünstig Elvis Presley zum Besten. Es sind diese Momente, die am laufenden Band für eine Paarung aus ungläubigem Kopfschütteln und ekstatischer Freude sorgen, WILD AT HEART zu einem chaotischen Genre-Bastard formen und es unmöglich machen den Film in eine klare Richtung einzuordnen. Ein singender Sailor, schräge Gangster-Bosse, die auf dem Klo sitzen, dabei telefonieren, Tee trinken und Stripperinnen für sich tanzen lassen, dazu Willem Dafoe, der die Creepiness auf Jahrzehnte definiert – alles irre, alles absurd und besonders in der zweiten Filmhälfte leider irgendwann alles ein wenig zusammenhangslos zerfranst.

Freunde in sich konsistenter Inszenierungen dürften an WILD AT HEART schier verzweifeln. In einem Moment rutscht der Film aufgrund seiner todernst dargelegten Weirdness ins vollkommen trashige und ist zum Brüllen komisch, nur Sekunden darauf folgen ernsthafte Gefühle, beklemmende Visionen, oder was auch immer David Lynch gerade für angemessen hielt. In schräger Taktung, mal voller plumper Erläuterungen, dann wieder ohne jeglichen Bedarf den Zuschauer an die Hand zu nehmen, oder gar Zusammenhänge zu erklären, folgen wir zwei Menschen, die nur sich selbst brauchen durch den Süden der USA. Vielleicht ist WILD AT HEART einfach die Essenz verfilmter Gefühle? Pure, kraftvolle Liebe, die den Anschein macht stärker als der Rest der Welt zu sein und aus ihr entstehend naive Träumerei über Zukunft und den Weg den es zu gehen lohnt – kontrastiert mit destilliertem (Selbst)hass, dem Wunsch nach Macht und Zerstörung und der Schlechtigkeit des Menschen? Eine Aufforderung zu Leben, aber nie die dunkle Seite der Medaille zu vergessen? Zu absurd ist der Film, um eine klare Antwort zu finden, aber fesselnd genug, um immer wieder nach ihr zu suchen.

Wahrscheinlich gibt Lynch uns sogar mal wieder genügend Hinweise auf das Innere dieser audiovisuellen Reise, die es sorgsam zu suchen gilt. Wenn Lula eine Halskette mit dem Amulett einer Meerjungfrau findet und Sailor beiläufig, aber in vollem Ernst: “That’s just about the cutest thing I’ve ever seen“ verlauten lässt, könnte das einer davon sein. Fordert Lynch auf, den Blick für die Schönheit der kleinen Dinge nicht zu verlieren und emotional immer voll da zu sein? “Wild at heart”, aber “weird on top” zu bleiben und nie mit dem Träumen aufzuhören? Vielleicht. Vielleicht sagt WILD AT HEART auch etwas ganz anderes, oder gar überhaupt nichts. Egal, der Versuch es raus zu finden lohnt sich!


Wertung
7 von 10 vergammelten Zahnprothesen


Weblinks
IMDB
MOVIEPILOT
LETTERBOXD
Streamen: Werstreamt.es
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