#52FilmsByWomen: Old Joy (2006)

Titelbild © by MUBI

Fakten
Regie: Kelly Reichardt
Drehbuch: Kelly Reichardt, Jonathan Raymond
Darsteller: Daniel LondonWill OldhamTanya Smith
Jahr: 2006
Genre: Slice-Of-Life, Drama, Hangout Movie

#52FilmsByWomen
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Review
Wann immer von großartigen Independent-Regisseur/innen aus dem englischsprachigen Raum die Rede ist, dauert es nicht lange, bis in einem Rutsch mit Jim Jarmusch, John Cassavetes und co. der Name Kelly Reichardt fällt. Und obwohl ich dieser Art Film – wohlwissend, dass man die enorme Bandbreite des Independent-Films nicht mit einem pauschalen “diese Art von Film” über einen Kamm scheren kann und sollte – enorm zugewandt bin (wie z.B. meine Jarmusch-Lobgesänge auf BROKEN FLOWERS, LIMITS OF CONTROL oder PATERSON zeigen), hatte ich es bis jetzt leider erst geschafft, mit NIGHT MOVES von 2013 nur einen einzigen Film von ihr zu sehen.

Letzterer begeisterte mich durch die ruhige und tiefgreifende Beobachtung menschlicher Nuancen und Seelenzustände. Weit weg von filmischer Überzeichnung skizzierte Reichardt, die nach klassischer Autheur-Schule auch (fast) immer das Drehbuch (mit-)schreibt, den inneren Zusammenbruch zweier Öko-Aktivisten, die als Protestaktion einen Damm sprengen, dabei aber durch einen ungeplanten “Unfall” einen Menschen töten. “Wie macht man mit derartiger Schuld weiter?” ist eine der zentralen Fragen des Films und eben diese lotet Reichardts, gemeinsam mit dem Autor Jonathan Raymond verfasstes Skript in Symbiose mit einer wahnsinnig feinfühligen Inszenierung exzellent aus. 

NIGHT MOVES machte Lust auf mehr. Warum ich also mehrere Jahre brauchte, um weiter in ihre Filmografie einzusteigen, kann ich schlichtweg nicht sagen – vielleicht wegen zu viel anderem, das mir in greifbarer Nähe vor der Nase herum schwirrte, sicher auch wegen zeitweise fast völlig in Richtung Weird-Cinema/Genrekino verschobenen Präferenzen, oder eben wegen Regen… Egal. Dank The-One-Streamingservice-To-Rule-Them-All MUBI, wo ich derzeit wieder ein Abo habe, purzelten mir jetzt einige weitere ihrer Werke vor die Füße und OLD JOY sollte der Startschuss sein, mir ihr Werk weiter zu erschließen. 

Inhaltlich stellt sich der Film vermeintlich simpel auf: Marks Telefon klingelt und der Aufhänger der nächsten 70 Minuten knistert durch die Leitung: “Kurt hier, ich bin wieder in der Stadt, hast du Lust, der alten Tage wegen, ein Wochenende Campen zu fahren?” Mark hat Bedenken, denn seine Frau ist hochschwanger, er hat Commitments – sozial, familiär, moralisch – und all dies will abgewogen werden, aber nach kurzer, von schlechtem Gewissen und Restzweifeln geprägter Abstimmung mit seiner Liebsten, entschließt er sich dafür, mit seinem alten Kumpel in die Berge zu fahren. Das tun sie und arbeiten im Verlauf des Films das Auseinanderdriften ihrer Freundschaft und auf einer sekundären Ebene noch weitaus tiefergehende, universelle Themen auf.

Bereits die eingangs zu treffende Entscheidung – Roadtrip zum Camping mit einem ehemaligen Freund, zu dem man ehrlicherweise schon seit Jahren nicht mehr denselben Draht wie früher hat, oder passen und zu Hause bei der schwangeren Frau bleiben, die man aus dem Herzen heraus unterstützen möchte? – ebnet den Weg für eins von OLD JOYs Kernthemen: mitmachen oder rebellieren? Ein Rad im Uhrwerk des Systems, oder Sand im Getriebe werden? Sich treiben lassen und evtl. in Leere enden, oder Ziele setzen, sich entwickeln, und all den Balast und die inhärenten Spannungen “erwachsener” Lebensentwürfe aushalten?

Mark ist kein Teenager mehr und steht vor dem gleichen Problem, wie die meisten von uns: Entscheidungen können nicht mehr einzig und allein aus der entscheidenden Person selbst heraus getroffen werden, denn Verpflichtungen (seien sie real, oder auch nur empfunden) existieren und machen selbst die kleinsten Angelegenheiten komplexer, manchmal leider auch komplizierter als sie einst waren. 

Kurt hingegen ist Drifter, Träumer, lebt ein Leben, das in den Augen vieler wohl als “hängen geblieben”, oder “gescheitert” bewertet werden würde. Er macht was er will, wo er will, so stoned wie er will. Und steht (als ungebundenes Individuum) nicht vor dem Dilemma, dass zu treffende Entscheidungen ab einem gewissen Punkt im Leben niemals ausschließlich für, sondern automatisch auch immer gegen etwas sind.

Der Trip steht für beide unter gänzlich verschiedenen Sternen – Kurt wabert offen in eine weitere Episode seines Lebens, deren Ausgang ungewiss (und ehrlicherweise relativ egal) ist, Mark hingegen bricht für’s Erste “ein letztes Mal” aus seinem alltäglichen Lebensweg aus (was weit weniger theatralisch gemeint ist, als es klingt), doch die Wahl dieses kurzen Ausbruchs ist eben auch die Entscheidung gegen mögliche Hilfestellung aufgrund der körperlichen Herausforderungen seiner Frau, gegen “wichtige Dinge regeln”, gegen die Konformität, wenn auch nur kurz. Nicht präsent sein bedeutet automatisch ein Herausziehen aus dem Alltag, in dem er sonst seinen Teil beiträgt – je nach Level der täglichen Herausforderungen und dem damit einher gehenden Pflichtbewusstsein kann alleine das schon für Stress sorgen.

Dieser frühe Entscheidungs-Moment in OLD JOY stellt den nahezu perfekten Einstieg in die Kernthematik des Films dar: Reichardt und Raymond sinnieren über die Unterschiede und Reibungsstellen unserer gewählten Lebensentwürfe. Auf der einen Seite sind die Menschen wie Mark, die mit dem Strom geschwommen, den üblichen Pfaden der Gesellschaft gefolgt und in einem bürgerlichen Leben mit Haus, (baldigem) Kind, sicherem Job, etc. gelandet sind. Auf der anderen Seite Kurt, der seit seiner Jugend zwar absurde Theorien zu so ziemlich jedem denkbaren Thema, sich selbst aber nicht wirklich (weiter)entwickelt hat und es auch nicht wirklich will – im Gegenteil, er hält fest daran wie die Dinge mal waren.

OLD JOY stellt in Form eines meditativen Roadtrips, voller langer Gespräche und echter Momente diese Lebensentwürfe gegenüber. Nicht um herauszuarbeiten, welches der bessere oder zukunftsfähigere ist, eher um uns generelle Denkanstöße zu geben, und unser Selbst mit Fragen zum Mensch- und primär auch dem eigenen Dasein zu konfrontieren.

Siehst du dich in Mark oder Kurt? Vielleicht irgendwo dazwischen? Und viel wichtiger: Resonierst du mit ihren Ängsten, Sorgen, Freuden, Ansichten? Sehnst du dir einen Teil ihres Lebens herbei? Verabscheust du Aspekte der gezeigten Entwürfe? Und ist es beim jeweils Anderen wirklich besser?

Im Vergleich zu Kurt wirkt Mark angespannt, zeitweise etwas unfrei, im Sinne von “in sich gefangen”, denn das Leben, was er führt, definiert sich (auch) durch Abhängigkeiten. Wir Zuschauer verstehen das schnell über Reichardts gelungene passive Charakterisierung – in Marks Auto läuft politisches Talk-Radio, wie immer geht es um Housing-Crisis, Economy, das übliche Blabla, aber eben Themen, die junge Familien, Hausbesitzer, Kreditnehmer, also alle die “das Spiel mitspielen” auch schon 2006 zutiefst beunruhigt haben. Marks angestrebte Zukunft braucht Sicherheit und diese schwindet. Dennoch wirkt er okay mit seinem Leben, aber eben von Sorgen, Unsicherheiten und der daraus resultierenden mangelnden Leichtigkeit bestimmt. Auch davon handelt der Film: er stellt die Frage, ob ein Ausbruch – hier der Campingtrip, ohne Stadt, ohne Politik, ohne häusliche Verpflichtungen – überhaupt noch gelingen kann wenn wir erstmal Teil des Systems sind?

Und da das Skript das nötige Fingerspitzengefühl walten lässt, ist uns klar, dass hier keine einfachen Antworten gegeben werden können. Alles besteht aus Pros und Cons – Kurt, der sich dem Takt des Systems konsequent verweigert, schaut kritisch und mit dem typischen Blick des Outsiders-looking-in auf diese Aspekte von Marks Leben, bewundert auf der anderen Seite aber ehrlich dessen Reife und die Tragweite seiner Entscheidungen (“Wow, I always thought getting a child is so definite, man!”).

Es ist sicher auch ein guter Anteil von enormem Respekt, vielleicht sogar Angst vor den “definitiven” Entscheidungen im Leben, die Kurt – oberflächlich gesehen, ist er nicht mit Marks Sorgen konfrontiert – in eine chaotische Ziellosigkeit treibt, die offenbar ebensowenig wie die solide working-class-existence in ein befreites Leben führt. In den langen Gesprächen formt sich ein Charakter, dem man ebenfalls eine latent bis explizite Unzufriedenheit anmerkt – in Monologen philosophiert er darüber, dass “alles gleich” geworden ist im Leben, “die Städte jetzt auch voller Bäume sind, und der Wald voller Müll”. Was er eigentlich sagt: Alles verändert sich, Grenzen verschwimme, die Welt dreht sich weiter und egal wie stark wir versuchen, uns am Alten fest zu klammern, der gleiche Typ von damals zu bleiben, die bestehenden Pfade nicht zu verlassen: irgendwann wird es dennoch alles nicht mehr dasselbe sein. Kann es nicht sein, weil die Welt sich dreht und die Dinge sich ändern. Wer sich dem verweigert, endet in Scheitern oder Verbitterung.

Reichardt codiert dies gelungen in unaufgeregten Bildern aus dem grauen amerikanischen Norden: Der Trip der zwei Männer (deren Unterschiedlichkeit Daniel London und Will Oldham weit über die rein optischen Aspekte hinaus brillant herausarbeiten) führt uns in langen, wortkargen (aber von unendlich passender dreamy Americana-Musik der Band Yo La Tengo untermalten) Einstellungen aus der Stadt heraus, tief in die Natur, in die dichten, alten Wälder von Oregon – bildlich zum natürlichen Ursprung der Ding, weg von Krisen und Zivilisation, sinnbildlich auch zum Ursprung von Mark und Kurts Freundschaft und an einen Ort, wo Regeln plötzlich zu Freiheit disoziieren.

An diesem “Ursprung der Dinge” loten sie aus, ob es ihre Freundschaft überhaupt noch gibt, bzw. unter den Vorzeichen ihrer Zusammenkunft überhaupt noch geben kann? Oder ob nicht bereits diese Vorzeichen völlig falsch sind, weil Kurt versucht einfach da weiterzumachen, wo sie vor Jahren, vielleicht sogar Jahrzehnten aufgehört haben und Mark das alles virlleicht nur als einen temporären Ausbruch ohne nachhaltigen Effekt ansieht? “I want us to be real friends again” sagt Kurt, während sie über Zukunft, Elternwerden, Ausflüge zu heißen Quellen und allerlei anderes sprechen und Mark erwidert “We are, everything’s fine”. Doch Kurt sieht es anders und wir lernen im weiteren Verlauf immer mehr, dass die beiden so unterschiedlich auf das Leben schauen, dass sie beide diese Aussage genauso glauben, wie sie es sagen, weil der eine den Lauf der Dinge (vielleicht ein bißchen zu sehr) akzeptiert hat und der andere nicht imstande ist, den Sprung aus der nostalgisch verklärten Vergangenheit ins Jetzt zu machen.

Und doch kommen, in der vielleicht leisesten (dafür heiß sprudelnden) Klimax aller Zeiten, sie beide zu einem gewissen Frieden mit ihren “Dämonen”. Zeitweise zumindest, denn nach eineinhalb erkenntnisreichen Tagen setzt Mark Kurt ab und die Klammer schließt sich – Kurt beginnt sofort wieder wie ein Geist durch die Nacht zu schweben, während in Marks Auto das Radio wieder angeht, und Housing-Krise, Politik und alle damit verbundenen Sorgen uns klar zu verstehen geben, dass sie nie weg waren.
 
OLD JOY ist die Art von Film, die ohne sorgfältig zuzuhören und zu reflektieren vermutlich oberflächlich und banal scheint – just two dudes talking about stuff – aber zwischen den Zeilen eine derart tiefe Betrachtung unserer menschlichen Wesenszustände verhandelt, dass ich applaudierend aufstehen möchte. Wie man aus diesen Zeilen vielleicht herauslesen kann, hat mich der Film mit über 40 durchaus in ein Gedankenkarussell versetzt und ich wage eine steile These: wahrscheinlich MUSS man den Wechsel verschiedener Lebensphasen bereits hinter sich haben, um die Nuancen in Skript und Charakteren wirklich wertschätzen zu können. Damals mit Mitte 20 hätte ich OLD JOY wahrscheinlich als sterbend langweilig abgetan. 

Heute – als Vater, der sein früheres Skater- und Raver-Rebellentum (körperlich, im Geiste noch nicht ganz) hinter sich gelassen hat – reflektiere ich die thematisierten Fragestellungen immer wieder und komme regelmäßig und mit Ehrlichkeit zu mir selbst zu dem Schluss, mein Leben (was klar eher dem von Mark ähnelt) ziemlich gut zu finden. Aber manchmal kommen sie durch, die Sehnsüchte nach der “Old Joy” und man fragt sich eben doch, warum das Leben nicht einfach mal wieder so einfach sein kann wie “damals”, als alles so simpel war, als man sich um nichts ‘nen Kopf machen musste und der Flow des Seins sich anfühlte, als liefen die Dinge einfach für immer von selbst weiter.

Deeper Stuff.

Wertung
8 von 10 Selbstfindungs-Momenten in der heißen Quelle

Film(e) schauen
Der Film ist in Deutschland leider nicht physisch erschienen, in den USA auf Regioncode 1 bzw. A Discs der Criterion Collection, streamen kann man OLD JOY aber auf MUBI

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