(Neuer) Deutsch(sprachig)er Genrefilm #6: Das Millionenspiel (1970)


Trailer © by Studio Hamburg


Fakten
Jahr: 1970
Genre: Mediensatire, Gesellschaftskritik, Dystopie
Regie: Tom Toelle
Drehbuch: Wolfgang Menge
Besetzung: Jörg PlevaSuzanne RoquetteDieter Thomas HeckTheo FinkDieter HallervordenJosef Fröhlich
Kamera: Jan Kalis
Musik: Irmin Schmidt
Schnitt: Marie Anne Gerhardt


Review
Satire und Gesellschaftskritik sind immer dann auf den Punkt geschrieben, wenn sie bis zum Kern einer unangenehmen Wahrheit vordringen, die keiner so recht sehen will. Noch gelungener kann das Endprodukt eigentlich nur werden, wenn es nicht nur Ist-Zustände korrekt erkannt hat, sondern rückwirkend betrachtet aus ihnen heraus sogar korrekt Entwicklungen voraus sagt, also über die Darstellung der Zukunft, die Tendenzen der Gegenwart kritisiert. Dadurch verschwimmt die Grenze zur Dystopie und wenn man so will, ist DAS MILLIONENSPIEL (neben einer enorm gelungenen Mediensatire) auch genau das: Eine bitterböse Dystopie, die bereits vor 45 Jahren inhaltlich so weit dachte, dass sie vorausschauend selbst noch (oder eher besonders) den heutigen extrem-Auswüchsen des stumpfen TV-Alltags entlarvend den Spiegel vorhält.

Inszeniert als fiktive Fernsehshow, gelingt dem Film nämlich der überspitzte Vorgriff auf das allgegenwärtige Reality-TV-Spektakel unserer Zeit. Jegliche Moral ist kollabiert, die vollkommene Zurschaustellung gelungen: auf den Schirmen der Republik flimmert ein Spiel auf Leben und Tod. Freiwillige Teilnehmer fliehen eine Woche lang quer durch Deutschland vor einer schwer bewaffneten Bande Gangster, müssen Checkpoints passieren und möglichst trickreich agieren, um am Leben zu bleiben – die Kamera hält drauf, das Volk jubelt. Moderiert werden die (in typischer BIG BROTHER Manier von Rückblenden des Tages durchsetzten) Live-Sendungen von einem gut gelaunten Dieter Thomas Heck, unterbrochen von auflockernden Tanzeinlagen exotischer Kleinkünstler und absurden Werbespots des fiktiven, das „Spiel“ ausrichtenden „Stabil Elite“ Konzerns, die den Zuschauern das Streben nach dem perfekten Körper nahelegen. Die ultimative Perversion.

Es wirkt fast prophetisch, wie Regisseur Tom Toelle und Autor Wolfgang Menge Jahrzehnte vor RUNNING MAN (und den HUNGER GAMES) die immer weiter überkochende Gier nach grenzenlosem Spektakel herauf beschwörten. Krachen muss es und das um jeden Preis. In Form von kleinen Trailern zeigt die Sendung in Momenten der Live-Flaute den Werdegang des am Millionenspiel teilnehmenden Protagonisten und es formt sich immer weiter das Bild einer vollkommen aus dem Gleichgewicht geratenen Medienwelt: Das Millionenspiel ist nur die Spitze eines Eisbergs aus brutalen, allesamt von „Stabil Elite“ ausgerichteten Sendungen. Format-übergreifend begeben sich Kandidaten in höchste Gefahr, teils unwissend was sie erwartet und es werden auch die letzten Zweifel ausgeräumt, dass dynamische Unterhaltung in dieser Welt mehr zählt, als das Leben der Beteiligten – Hauptsache das Volk bekommt, was es will, Hauptsache die Quote stimmt.

Wirklich vielschichtig und in sich rund wird das Gesamtbild jedoch erst durch die allumfassende Thematisierung der verschiedenen Zahnräder dieses perfiden Uhrwerks: Nicht nur das Publikum und Heck im Studio sind Teil der Darstellung, auch die Sendeleitung in ihrer dauerhaften Angst um ein unspektakuläres Finale und den ständigen Streitereien, ob der Kandidat „zu weich“ ist, bekommen wir zu sehen. Ebenso wie die Meinung des Volkes – nachdem potentielle Showdowns an öffentlichen Plätzen abgeklungen sind, werden Passanten von aufgeheizten Sensations-Reportern interviewt: „Das ist doch widerlich“ sagen die Einen. „Was soll daran verwerflich sein? Die wissen doch worauf sie sich einlassen!“ sagen die Nächsten (eine Argumentation, die uns bekannt vorkommt, wird sie doch heutzutage gerne zur Legitimation des abartigen Zirkus im Dschungelcamp gebracht). „Eine Million Mark sind nun mal auch eine Menge Geld.“ sagen die Letzten. Ob das Geld das Risiko aufwäge, könnten sie zwar nicht sagen, aber gucken würden sie es wohl alle und sind somit fester Bestandteil der Maschinerie. Das Risiko habe schließlich einen Reiz. Wer das Treiben vollkommen verwerflich findet, eilt den Kandidaten sogar live zur Hilfe – die Menge kocht.

Beängstigend gestaltet sich der Abgleich dieser medialen Zukunftsprognose mit der Realität in der wir mittlerweile leben. Teils aktiv, teils nur in Nebensätzen werden Phänomene aufgezeigt, die heute zum traurigen Alltag gehören. So haben die Kandidaten des „Spiels“ zwar die Möglichkeit vorzeitig auszusteigen falls Druck, Todesangst und Qual zu groß werden, ein vorheriger Teilnehmer tat dies jedoch und wurde daraufhin Privat und medial so sehr als Feigling gehetzt, dass es ihn in den Selbstmord trieb. Überzogen? Freiwilliger Ausstieg aus einer Reality-Show. Mediale Hetze. Klingelt da was? Schon längst leben wir in Zeiten, in denen On-Screen Entscheidungen (egal, ob TV, Youtube, etc.) sich mit fatalen Folgen tief in die Off-Screen Realität der Betroffenen fressen. Auch ist es kein Geheimnis, dass Unterhaltung immer krasser, immer extremer werden muss, um die Leute noch abzuholen – wie bereits das Volk in DAS MILLIONENSPIEL, so schimpft zwar auch heute mindestens die Hälfte auf den omnipräsenten, oft verletzenden Seelen-Striptease und die sich immer wieder selbst überbietenden Grenzüberschreitungen, tatsächlich fern bleiben, tun jedoch die wenigsten.

Schöne neue Welt, aber immerhin noch ohne Mord im Live-Feed.
Noch.


Wertung
9 von 10 perversen Game-Shows


Weblinks
IMDB
MOVIEPILOT
LETTERBOXD
Streamen: Werstreamt.es
Leihen: LOVEFILM
AMAZON (*) (falls ihr das Widget nicht seht, wird es von eurem Ad-Blocker gekillt):

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7 Gedanken zu „(Neuer) Deutsch(sprachig)er Genrefilm #6: Das Millionenspiel (1970)“

  1. Statt DIDI, der Quotenkiller: DIDI, Killer für die Quote.

    Meine Eltern haben mir gestern erzählt, dass einige Zuschauer die Show für Realität gehalten haben, und sich für die folgenden Sendungen bei der ARD beworben haben. Sozusagen der Orson Welles WAR OF THE WORLDS- Effekt.

    Die Original Kurzgeschichte von Robert Sheckley verzichtet zwar auf das Studio-Finale, damit auch auf die gruselig-geniale Röhre (wohl eine Wolfgang Menge Erfindung), hat aber auch eine bitterböse Pointe:

    (SPOILER…aber wer liest denn heute noch?):

    Der Protagonist überlebt mit Ach und Krach in letzter Sekunde und schwer verletzt. Auf dem Weg ins Krankenhaus bittet er die Produktionsleiterin sich in der Abmoderation für die hilfreichen Anrufe der Zuschauer zu bedanken, ohne die er nicht überlebt hätte, woraufhin die Frau ihm erzählt dass das nicht notwendig sei. Alle helfenden Anrufe kamen aus dem Produktionsteam, weil die Regie nicht wollte dass er zu früh ins Gras beisst. Alle wirklichen Anrufe der Zuschauer waren ausnahmslos für die Killer, die ihnen ständig seinen Aufenthaltsort verraten haben.

    Danach schrieb Sheckley meines Wissens nur noch Sci-Fi Satiren a la Douglas Adams; Das Millionenspiel ist die einzige wirklich düstere Story von ihm, aber die ist wirklich fies genug fürs ganze Leben.

    1. DIDI haut hier gut einen raus!

      An dieser Stelle mal ein kleines Dankeschön für die a) sehr regelmäßigen Kommentare auf meinen Blogs und b) den ständigen Ergänzungen interessanter Trivia! Du bist auch so eine mittelgroße Enzyklopädie, oder? Auf jeden Fall immer interessant, was du so beisteuerst!

      Dass teilweise der Film für bare Münze genommen worden sein soll hatte ich auch schon mal gehört, aber hatte es für eine urban Legend gehalten…

      1. Ich bin die mittelgroße Extraportion Senf. Wenn mir was einfällt mach ichs hoffentlich schmackhafter (leider manchmal auch überflüssiger).

        Meine Eltern konnten glaubhaft versichern dass DAS MILLIONENSPIEL ein Aufreger für Diskussionen war, und in so ziemlich allen Boulevard-Gazetten behandelt wurde, wobei viele Magazine Briefe abdruckten, in denen Zuschauer Jäger oder Gejagte werden wollten.
        Ich möchte nicht wissen wie viele diese RTL Scripted Reality Soaps für echt halten, um wieviel größer muss der Schockfaktor gewesen sein zu einer Zeit in der das Fernsehen als seriös galt?
        Die Frage ist nur, war Dieter Thomas Heck bei der Ausstrahlung schon als Moderator der ZDF Hitparade aktiv oder ein Noob?
        Hab ich leider vergessen zu fragen.

      2. Überflüssiges Filmwissen gibt es nicht

        Heck hat das wohl von ’69 bis ’84 gemacht, sollte also schon eine gewisse Bekanntheit gehabt haben.

    1. Bei dem Film darf man sich natürlich von der Form nicht abschrecken lassen. Sieht eben nach nem deutschen TV-Film aus den Siebzigern aus. Aber inhaltlich dachte ich konstant während der Laufzeit: „Auf den Punkt! Wie gut?!“

Und eure 2 Cents?