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Film: Snowpiercer (2014)


Titelbild, Trailer & Bildausschnitte © by Ascot Elite Home Entertainment


Fakten
Jahr: 2014
Genre: Science-Fiction, Dystopie, Gesellschaftskritik
Regie: Bong Joon-ho 
Drehbuch: Bong Joon-hoKelly Masterson
Besetzung: Chris Evans, Jamie Bell, Tilda SwintonSong Kang-hoJohn HurtEd HarrisOctavia SpencerEwen BremnerKo Ah-sungAlison PillSteve Park
Kamera: Hong Kyung-pyo
Musik: Marco Beltrami
Schnitt: Steve M. ChoeChangju Kim


Review
Enge.
Dreck.
Hunderte Menschen in Lumpen, im Zwielicht eingepfercht, inmitten von Stahlwänden, umgeben von Lärm. Endlosem Lärm.
Am Leben gehalten von schleimiger Nährstoffpampe.

Die Perspektive?
Genau das immer weiter. Für immer.
In Stahl und Lärm und Armut und Unmenschlichkeit gefangen.
Würde genommen. Rechte genommen. Menschsein genommen.

Doch da ist diese Tür.
Dahinter Ungewissheit.
Strahlend. Heilend. Rettend?
Eine Pforte in eine andere Welt.
Eine bessere Welt?

Eine Pforte, die zu durchschreiten es sich zu erkämpfen lohnt.

Und das tun sie!
Von ganz hinten nach ganz vorne. Durch einen Zug.
Doch dieser Zug ist mehr als nur ein gewöhnlicher Zug.
In ihm steckt die Welt.
Ökosystem, Gesellschaftssystem, Machtstrukturen.
Alles drin, mit allem was dazu gehört – das Grauen und die Ungerechtigkeit dieser (unserer!) Welt auf einen Mikrokosmos zusammengeschrumpft, auf eine schier unerträgliche Konzentration zusammengekocht. Der Adel tanzt – auf den Schultern und Rücken des Pöbels. So war es schon immer und so wird es auch in einer Zukunft bleiben, in der der Rest der Menschheit in einem Zug gen Nirgendwo fährt. Revolutionen keimen auf, passieren, gehen vorüber. Und dann ist meist alles wie vorher.

Was das betrifft ist SNOWPIERCER in meinen Augen eine der gelungensten System-, Gesellschafts- und Sozialkritiken die bis dato gedreht wurden. Es wird gesagt der Film von Joon-Ho Bong sei eine Dystopie, aber das würde ich beinahe verneinen. Eine Dystopie spinnt gesellschaftliche Tendenzen weiter und zeichnet ein hypothetisches Bild einer dunklen Zukunft. SNOWPIERCER hingegen spielt zwar in einer Zukunft, in der die Welt wie sie wir kennen nicht mehr existiert – von Menschenhand zerstört, in einen Eisplaneten verwandelt, alles Leben ausgelöscht – zeigt also ein klares Endzeitszenario, doch was vor dieser Kulisse stattfindet ist nicht Dystopie, sondern leider bittere Realität. Eine Realität, die heute noch wesentlich versteckter, verschleiert von Konzernen, kaschiert durch Medien abläuft, die sich aber im Kern voll und ganz mit der Realität der wenigen Überlebenden in diesem Zug deckt. Wenige leben auf Kosten vieler, die einzige Möglichkeit das aufrecht zu erhalten ist Gewalt und Erpressung, Leid hält das System am Leben. Nailed it, Bong (und die drei Co-Autoren natürlich mit dir)!

Doch was SNOWPIERCER zu wahrer Größe bringt, ist die Tatsache dass dieser großartige Subtext einfach in einen phänomenalen Film eingebettet ist.

Das beginnt bei der Erzählweise. Wir beobachten nicht nur Chris Evans als Curtis, wie er sich mit seiner entschlossenen Truppe von Wagen zu Wagen vorarbeitet – wir sind dabei! Bevor er nicht einen Schritt in den nächsten Wagon macht, wissen wir genauso wenig wie es darin aussieht. Solange sämtliche Theorien über die Vorgänge weiter vorne nicht bestätigt, oder entkräftet wurden, sind es auch für uns nur Theorien. Die Konsequenz, mit der Joon-Ho Bong uns nicht ein Quäntchen mehr Information als seinen Hauptfiguren gibt, ist beachtlich und das einzig richtige. Nur so entfaltet diese gefährliche Reise ins Ungewisse ihre volle Wirkung. Und verdammt, WAS für eine Wirkung das ist – 2 Stunden gebannte Angespanntheit im Kinosessel.

Jedes Mal wenn eine weitere Tür aufgeht, wartet eine kleine Offenbarung dahinter.
Ist sie heilsam? Gefährlich? Tödlich?
Was optimistisch und von inbrünstigem Revolutionsgeist getragen beginnt, entwickelt sich immer mehr zu einem Trip durch die Hölle. Mal aufgrund der aufkommenden Gefahr, mal aufgrund der menschlichen Verluste und mal schlichtweg, weil der nächste Wagen noch drastischer aufzeigt, was für eine perverse Gesellschaft da (hier) vorliegt.

Und Gott, was haben sich die Production-/Set-(/Level-)Designer für die Wagons dieses Zuges alles einfallen lassen. In perfekten Bildern eingefangen, erzeugt jeder Wagen aufs Neue einen beklemmenden „Wow“-Effekt. Der immer präzise die richtigen Stimmungen erzeugende Score leistet sein übriges zu einer vereinnahmenden, dichten Atmosphäre. Natürlich bekommt man bei genauerer Überlegung schnell ein paar Ideen dazu, wie es weiter vorne im Zug aussehen könnte. Was alles benötigt wird, um zu Leben. Wie die Oberklasse sich das Leben versüßt. Doch wenn die nächste Tür sich öffnet und man es dann endlich sieht, haut es einen um. Durch die erzählerische Perspektive ist man so stark in Curtis‘ Quest involviert, dass die Impressionen einen ähnlichen emotionalen Impact wie auf die Figuren selbst bekommen. Und je weiter es geht, umso ungläubiger wird es. Fast surreal erscheint irgendwann der Kontrast zwischen selbstverständlich gelebter Normalität und den Dreck-verschmierten, blutenden Menschen von ganz hinten.

SNOWPIERCER trifft immer die richtigen Töne. Wird es still und nachdenklich, gibt Bong den Geschehnissen genug Zeit um zu wirken, wird gekämpft tauchen Schnitt und Kamera voll in die Action ein. Nicht unerheblich für die phantastische Wirkung sind die (quantitativ auf Minimum reduzierten) Effekte – die vereiste Erde sieht wahnsinnig gut aus, der Zug sieht wahnsinnig gut aus, die sonstigen Animationen sehen ebenfalls wahnsinnig gut aus. Weil es großartig animiert ist und weil alles was vor Kameramann Kyung-pyo Hong’s Linse passierte eben großartig gefilmt wurde.

Man könnte noch so viel mehr dazu schreiben – über den mystischen Charakter der „endlosen Maschine“, über den Führerkult um Wilfort, über den doppeldeutigen Ton, der es im letzten Moment zur freien Entscheidung macht ihn opti- oder pessimistisch zu deuten. Oder über das starke Spiel des Casts. Oder über Charakterpsychologie und die tiefen moralischen Dilemma, mit denen Curtis zu kämpfen hat.

Man kann aber auch einfach sagen: (Fast) perfekt dieses Werk, ein potentieller Lieblingsfilm und ich bin richtig glücklich den Film noch im Kino gesehen zu haben. Wenn er bei euch noch läuft, geht ins Kino, wenn ihr dies später lest, ordert ihn noch diese Sekunde!


Wertung
9 von 10 zurück eroberten Abteilen (Edit: Nach mehrfachem Rewatch auf 10 von 10 erhöht)


Veröffentlichung
SNOWPIERCER ist bei Ascot Elite Home Entertainment als Steelbook (incl. BD & DVD), BluRay und DVD erschienen. Die Extras der BluRay enthalten: Making of (long version), Featurette „Characters“, Special Animated Clip (long version), Character Spot „Jail Section“, Character Spot „Tail Section“, Character Spot „Front Section“. Die Extras der DVD enthalten: Making of, Making of (Spot), Special Animated Clip, , Trailer, Kinotrailer, Teaser.


Weblinks
IMDB
MOVIEPILOT
LETTERBOXD
Streamen: Werstreamt.es
Leihen: LOVEFILM
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5 Gedanken zu „Film: Snowpiercer (2014)“

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