Film: Blue Jasmine (2013)


Trailer © by Warner Home Video


Fakten
Jahr: 2013
Genre: Drama
Regie: Woody Allen
Drehbuch: Woody Allen
Besetzung: Cate Blanchett, Alec Baldwin, Peter SarsgaardSally Hawkins
Kamera: Javier Aguirresarobe
Musik: Verschiedene
Schnitt: Alisa Lepselter


Review
Je höher du fliegst, desto tiefer fällst du.

Jasmine ist hoch geflogen.
So hoch, dass ihr die Welt, wie sie da unten immerfort mit ihrer banalen Routine beschäftigt ist, schon sehr fern und fremd erschien. So hoch, dass sie auf das normale Volk nur noch mit Verachtung heruntersah, weil die Verbindung vor langer Zeit (unwiederbringlich?) abgerissen war. So hoch, dass sie dem edlen Glanz der Sterne erlegen war, nach denen zu greifen ihr nur noch eine knappe Armlänge fehlte. So sicher, dass alles Schlechte weit entfernt schien – und sollte es doch mal zu nah kommen, so konnte sie sich einfach wegdrehen und sich weiter in ihrer Sicherheit wiegen. Oder noch höher aufsteigen.
Wie in einem Traum.

Und dann kam der Fall. Traum zerplatzt.
Mit Höchstgeschwindigkeit hart auf dem Boden der Tatsachen aufgeschlagen.
Leben kaputt – Mann weg, Geld weg, Haus weg. Sterne plötzlich ganz fern. Selbstachtung auf Minimum. Verzweiflung als nagender Schmerz im Kopf, rein menschlich nur noch eine leere Hülle da, die verlernt hat zu leben. Denn Leben erfordert Mensch sein – doch Jasmine war zur glänzenden, strahlenden Statue geworden. Innen nichts mehr übrig von der Frau, die sogar ihren Namen änderte, um jeden Rest des früheren, von Abschaum umgebenen, minderwertigen Ichs hinter sich zu lassen.

So steht es um Jasmine aus Woody Allens 2013er Film BLUE JASMINE. Nachdem die obligatorischen Kino-Beiträge der letzten zwei Jahre (MIDNIGHT IN PARIS und TO ROME WITH LOVE) beide Oden an die (ab und an bittersüße) Schönheit des Lebens und der Welt geworden sind, serviert er nun mal wieder eiskalt und tiefschwarz ein Stück unbequeme Hässlichkeit. So bissig und makaber war der Herr mit der schwarzen Brille lang nicht unterwegs. In BLUE JASMINE wird schonungslos ein Abstieg gezeigt – sein Verlauf, seine Folgen und nach und nach auch seine Gründe. Natürlich hat das mit (verletzter) Liebe zu tun, doch obwohl diese die Dinge ins Rollen bringt, liegen anders als im Großteil von Allen’s Oeuvre ganz andere Schwerpunkte vor – zentral geht es um anderes: Falschheit und aus ihr resultierenden Opportunismus, Arroganz, Überheblichkeit, fehlende Ehrlichkeit und nicht zuletzt Selbstbetrug.

Jasmine ist im Strudel aus verschobener Weltsicht, gekränktem Ego und hilfloser Gelähmtheit gefangen. Als Zuschauer werden wir primär mit ihrer zerstörten Psyche konfrontiert. Die Dynamiken zu ihrer Schwester, deren Lover, ihrem neuen Lover, all das spielt zwar eine Rolle, schlägt aber immer konsequent und straff einen Bogen zurück in ihren Kopf.
Und in dem sieht es nicht gut aus.
Nachdem Jasmine, badend in ihrem früheren, oberflächlich-paradiesischen Luxus, hinreichend Zeit hatte sich vom alltäglichen Leben zu entfremden, gestaltet es sich als geradezu unmöglich inmitten des wuselnden Volkes wieder an den Lauf der Dinge anzuknüpfen. Position verloren, keine Ahnung wo es hingehen soll. Ihr größtes Hindernis bei dieser halbherzigen Sinnsuche ist Jasmine selbst, denn – anders als es die trügerisch warmen Farbtöne, in die Allen sein Werk taucht, suggerieren – sie ist emotional auf dem Weg zum absoluten Nullpunkt.

BLUE JASMINE zeichnet ein scharfes Psychogramm: eine Person im Kampf mit sich selbst und den Regularien, die sie sich aufgelegt hat, ohne sie wieder hinter sich lassen zu können. Jasmine leidet unter Schuld, unter Verachtung für alles um sich herum, und schlussendlich unter nicht zu übersehendem Realitätsverlust. Das trifft zum einen ins Ziel (dem Kloß in der Kehle des Zuschauers), da Cate Blanchett hier über sich hinaus wächst, zum anderen weil Allen hier endlich mal wieder reichlich Zynismus auspackt und ohne Rücksicht auf Erzählkonvention die Geschichte dahin lenkt, wo er sie haben will.

Tiefschwarz und ganz bitter, überragend gespielt und angenehm konsequent ans Ziel gebracht – gut so Woody!


Wertung
8 von 10 selbstinduzierten Nervenzusammenbrüchen


Weblinks
IMDB
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2 Gedanken zu „Film: Blue Jasmine (2013)“

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